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Radikale Vorschläge für Gender-Mainstreaming in Forschung und Entwicklung


Eine halbe Million Euro. So viel investierte der Chiphersteller Infineon in das Projekt "FIT – Chancen und Vielfalt für Frauen in der Technik". "Ich möchte nicht dafür verantwortlich sein, dass wir in 20 Jahren keine Frauen in den Zukunftsberufen haben", sagte Infineon-Vorstandsvorsitzende Monika Kircher-Kohl im vom Infrastrukturministerium organisierten Arbeitskreis "Gender Mainstreaming in Forschung und Entwicklung" bei den Alpbacher Technologiegesprächen. Mit dem Geld setzte Kircher-Kohl Maßnahmen gegen den Techniker(innen)mangel, von dem Infineon massiv betroffen sei. Ihr Lösungsansatz: Mädchen und junge Frauen durch Schnupperprogramme und Praktika für Technik zu interessieren. 
Nun stellen Mädchen die Hälfte der Neuaufnahmen bei Lehrlingen, der Frauenanteil bei den Beschäftigten stieg um 5,4 Prozent. "Auch das Bewusstsein bei männlichen Führungskräften ist anders geworden", lobt Kircher-Kohl. Führungskräfte, die als Mentoren junge Technikerinnen begleiteten, profitierten selbst davon. 
Vielleicht liegt es an fehlenden Rollenmodellen in Unterhaltungsserien, warum Frauen ihre traditionelle Abneigung gegenüber Technik noch nicht überwunden haben, meinte die ORF-Journalistin Gisela Hopfmüller-Hlavac. Doch es gibt einen Beruf, der momentan bei Frauen chic ist: Gerichtsmedizinerin – dank der amerikanischen CSI-Serien. Diese Anregung will die Krimiautorin und Drehbuchschreiberin Eva Rossmann aufnehmen: Ihre nächste Heldin wird Technikerin. 
Rat aus dem Norden 
Wenn Österreicherinnen an den stagnierenden Geschlechterverhältnissen verzweifeln, holen sie häufig Rat in Skandinavien. "Norwegische Frauen sind zu 78 Prozent im Arbeitsleben, und sie sind gut ausgebildet", sagte Hilde Bautz-Holter Geving, Senior Adviser im Ministerium für Kinder und Gleichstellung in Norwegen. Dennoch stellten Frauen 2003 weniger als zehn Prozent der Aufsichtsräte. Eine heftige öffentliche Debatte wurde angezettelt. Im Dezember 2003 beschloss das Parlament ein Gesetz, wonach in staatlichen Unternehmen und Kapitalgesellschaften jedes Geschlecht zu mindestens 40 Prozent vertreten sein muss. Die Unternehmen wollten freiwillig den Frauenanteil erhöhen. 
Als zu einem bestimmten Stichtag erst 15 Prozent Frauen in den Aufsichtsräten waren, trat die Regelung in Kraft: Wenn die Quote nicht erfüllt wird, kann die Regierung das Unternehmen auflösen. Stand per Juli 2008: Die Regelung wird zu 95 Prozent erfüllt. So viel norwegische Konsequenz wird bewundert – doch sie in Österreich durchzusetzen, sieht niemand als realistisch an. "Auch in Norwegen war es nur möglich, weil Norwegerinnen sehr gut qualifiziert sind", sagte Bautz-Holter Geving. "Und jeder Aufsichtsrat ist einmal Anfänger. Das gilt für Männer genauso wie für Frauen." 
Agnes Streissler, Geschäftsführerin des Zentrums für Innovation und Technologie in Wien, will den Frauenanteil in der Forschung erhöhen, setzt aber auf Geld statt Quote. 17 Prozent Forscherinnen gibt es bei Projekten in Wien, ihr Ziel bis 2015 liegt bei 22 Prozent. Bei Forschungsprojekten gibt es 10.000 Euro "Frauenbonus", wenn eine Frau die Projektleitung hat. "Ich erwarte mir, dass die Dominanz von Männern in Führungspositionen durchbrochen wird", sagte Streissler. 
Frauenrelevante Themen 
Auch soll mehr frauenrelevante Forschung betrieben werden. Unklar ist, was das sein soll – und ob nicht Männer manchmal die kühneren Projektideen haben. Eine Untersuchung ergab, dass Frauen intelligente Verpackung von Produkten wünschen – die Verpackung soll anzeigen, ob die Milch schon sauer ist. Männer dagegen wünschen sich überhaupt gleich einen intelligenten Kühlschrank, der die fehlenden Waren automatisch nachbestellt. 

(me/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 27.8. 2008)
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